Cockerwut

Was ist „Cockerwut“?
Bei der „Cockerwut“ handelt es sich um die landläufige Bezeichnung einer ererbten Krankheit, welche anfallsweise auftritt und sich vor allem durch ein erhöhtes Aggressionspotential äußert. Vergleichbar sind diese Anfälle mit Epilepsie und auch der Krankheitsverlauf ist ähnlich.

Gab es die “Cockerwut” früher häufiger als heute?
In den 70ern war der Cocker-Spaniel ein Modehund. Gezüchtet wurden mit so ziemlich allem, was einen Stummelschwanz und Schlappohren hatte, jährlich wurden Tausende von Cockern gezüchtet. Modehund zu sein, hat einer Rasse noch nie gut getan, ganz im Gegenteil. Anteilsmäßig gibt es heute nicht weniger Hunde. Die Anzahl betroffener Cocker-Spaniels bewegte sich immer schon im Promillebereich im Verhältnis zur Anzahl der gezüchteten Hunde und so ist das auch geblieben.
Es hat auch nichts mit der Zugehörigkeit eines Züchters zu einem Verein zu tun, ebensowenig wie betroffene Hunde meist aus anderen Ländern kommen sollen. Überall dort, wo Menschen Hunde züchten, kann die Krankheit auftreten. Meistens dort, wo es Menschen egal ist, was das “Endprodukt” ist. Meist dort, wo man Krankheiten totschweigt (O-Ton der Züchter: “Cockerwut? Habe ich noch nie gehört!”). Ob das nun der Vermehrer aus Polen ist oder der aus Deutschland, ob er einen Mitgliedszwinger im VDH hat oder in der sogenannten “Dissidenz”: Es kann immer und überall auftreten, wo Menschen Augen und Ohren verschließen.

Sind nur rote Cockerrüden betroffen?
Die Cockerwut ist weder an das Gen für rote Haarfarbe noch an das Geschlecht gebunden.
Die roten Cocker gerieten in den 70ern vermehrt in Verdacht, weil damals eben 40 % aller gezüchteten Cocker rot waren (bei damals ca. 15 versch. Farben).
Rüden sind zwar weitaus häufiger auffällig als Hündinnen, doch gibt es durchaus genügend Hündinnen, die an Cockerwut leiden.

Welche Rassen sind noch betroffen?
Bemerkbar macht sich diese ererbte Aggressivität nicht nur beim Cocker-Spaniel, sondern auch bei Golden Retriever, versch. Terrier-Rassen, Berner Sennenhunde, American Cocker und einigen mehr.

Wie verläuft ein Anfall?
Vor und während eines Anfalls zittern die Hunde meistens, danach sind sie völlig „kaputt“ und machen absolut den Eindruck, als wüßten sie überhaupt nicht, was gerade zuvor geschehen ist. Während des Anfalls werden oft fiktive oder reale Gegenstände bewacht, das kann ein Socken oder eine Handtasche sein, das kann die Couch sein, auf die sich Herrchen plötzlich nicht mehr setzen darf, oder es kann auch ein Mensch sein. Die Hunde knurren sich teilweise regelrecht in Rage, bis sie ausrasten und dann gibt’s oft kein Halten mehr.
Fast alle Leute, mit denen ich wegen dieser Krankheit in Verbindung stand, beschrieben immer wieder das gleiche Erscheinungsbild: Die Hunde befinden sich in Streßsituationen, die Blicke verändern sich (Verengung der Pupillen, kalter / starrer Blick), die Hunde zittern und attackieren in den allermeisten Fällen Familienmitglieder. Danach sind die Hunde oft völlig orientierungslos.

Ist die Cockerwut heilbar?
Heilen kann man diese Krankheit nicht, besten

falls lindern bzw. die eigenen Lebensgewohnheiten auf den Hund ausrichten. Oft wird die ererbte Aggressivität verwechselt mit schlechter oder fehlender Erziehung. Soll heißen: Manche Hunde sind einfach nur schlecht erzogen, bei diesen handelt es sich nicht um die „echte“ Wut. Wenn es sich um die „echte“ Wut handelt, dann bringen Erziehungsstunden und Sitzungen bei Hundepsychologen gar nichts, denn die heftigen Anfälle spielen sich meist in den eigenen vier Wänden ab und in den allermeisten Fällen in nicht vorhersehbaren Situationen, oft sogar in Ruhephasen.

In bzw. ab welchem Alter tritt die Cockerwut erstmals auf?
Das erste Mal auffällig werden die Hunde meist im Alter von wenigen Monaten, bei Eintritt in die Geschlechtsreife. Oft sind die Anfälle da noch nicht so ausgeprägt, sodaß ihnen wenig Bedeutung zugemessen wird. Oft auch wird es von den zu Rate gezogenen Personen (Züchter!) sehr häufig einfach heruntergespielt. Wenn die Hunde dann im Alter von 3 bis 4 Jahren zupacken, dann werden sie häufig zu „Wanderpokalen“, die viele Familien durchlaufen, irgendwann im Tierheim landen und früher oder später eingeschläfert werden.

Warum erkranken Hunde an der Cockerwut?
Die “Cockerwut” wird vererbt. Die Erscheinung gleicht einer Epilepsie. Nach meinen Erfahrungen könnte ein Zusammenhang bestehen mit der mittlerweile bekannten CCL, siehe die Seite der TiHo Hannover.

Gibt es Forschungsarbeiten?
Fundierte medizinische Forschungen gibt es bisher keine. Es bestehen aber Erkenntnisse über die CCL. Inwieweit die von mir gemachten Erfahrungen und Aufzeichnungen relevant sind, muß jeder Leser für sich entscheiden.
Linda Ward aus England hat eine Homepage in englischer Sprache (http://www.cockerspanielrage.org.uk/) und kämpft auch seit Jahren für die Anerkennung dieser Krankheit und vor allem deren Beachtung.

Was können die Zuchtvereine tun?
Hinweise auf Cockerwut ernst nehmen.
Betroffene Tiere konsequent aus der Zucht ausschließen. Verwandte Tiere neutral beurteilen.
Erhöhung des Zuchtpotentials. Beim Spaniel: Vermeidung der Farbentrennung, Zulassung von Kreuzungen der einfarbigen mit den mehrfarbigen Farbschlägen, Zulassung von importierten, jedoch kupierten Cockern zur Zucht.
Aufklärungsarbeit leisten. Nicht alles, was wir schon seit Jahrzehnten so tun, muß auch wirklich gut sein.
Letzten Endes liegt es jedoch meist in der Eigenverantwortung eines Züchters. Auch wenn die Cockerwut heute lt. manchen Züchtern ausgestorben sein soll, so sagen meine Kontaktdaten etwas anderes aus. Ganz klar, die Anzahl der Tiere liegt im Promillebereich im Vergleich zur Anzahl der gezüchteten Hunde.
Doch ich persönlich denke, daß jeder Hund mit Cockerwut ein Hund zuviel ist.

Was können Betroffene tun?
Gehen Sie offen mit dem Thema um und lassen Sie sich nicht unterkriegen.
Lassen Sie Ihren Hund vom Tierarzt genau untersuchen.
Informieren Sie den Züchter Ihres Hundes.
Vermeiden Sie unbedingt Streßsituationen.
Wenn ihr Hund einen Anfall hat, vermeiden Sie Aufregung. Bleiben Sie ruhig. Geben Sie darauf Acht, daß er sich nicht verletzen kann und daß er Sie oder andere Personen nicht verletzt. Probieren Sie, ob Sie Ihren Hund zu sich rufen können. Manchmal läßt er sich anfassen und Sie können ihm Ruhe geben, indem Sie Ihre Hand ruhig auf seinem Körper liegen lassen. Reden Sie ruhig, bewegen Sie sich langsam.

Hilft eine Kastration / Sterilisation?
Eine Kastration kann Besserung bringen, kann allerdings auch alle Symptome verschlimmern. Bei Rüden kann man mittels Kastrations-Chip (Suprelorin) vorab testen, ob eine Kastration eine Besserung bringen würde.

Was tun, wenn der Hund eingeschläfert wurde?
Lassen Sie den Hund auf alle Fälle obduzieren, vor allem die Obduktion des Gehirns gibt Aufschluß. Bestehen Sie auf einen schriftlichen Bericht. Bitte leiten Sie mir diesen – gemeinsam mit einer Kopie der Ahnentafel Ihres Hundes – an mich weiter. Vielen Dank.